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heute ist der 10.12.2018  letzte Änderung am 07.12.2018 

Aktuelles

Otitis media: Amoxicillin im Säuglingsalter schädigt möglicherweise bleibende Zähne

IOWA CITY. Der Einsatz von Amoxicillin in der Behandlung von Infektionen im Säuglingsalter scheint eine Fluorose an den permanenten Zähnen zu begünstigen. Die Ergebnisse einer prospektiven Beobachtungsstudie in den Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine (2005; 159: 943-948) bedürfen aber noch der Bestätigung.

Dass Antibiotika in der Pädiatrie zu häufig unkritisch eingesetzt werden, ist hinlänglich bekannt. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, wie verbreitet der Einsatz bereits in den ersten Lebensmonaten ist. In der Iowa Fluoride Study waren drei Viertel aller Säuglinge bereits in den ersten zwölf Lebensmonaten mit Amoxicillin behandelt worden. Nach 32 Monaten waren es sogar 91 Prozent. Das ist eine hohe Rate, auch wenn Amoxicillin das am häufigsten bei der Otitis media eingesetzte Antibiotikum ist.

Wem dieser häufige Einsatz Sorgen bereitet, der wird sich durch die weiteren Daten der Studie bestätigt fühlen. Die Iowa Fluoride Study war ursprünglich durchgeführt worden, um die Folgen einer übertriebenen Fluorid-Prophylaxe zu untersuchen. Diese Tabletten werden häufig zur Kariesprophylaxe verordnet, können aber bei einer Überdosierung zu einer Verfärbung (weiße Flecken oder auch braune Pigmente) und auch Verformung (kleine Grübchen) des Zahnschmelzes führen. Sie sind die sichtbaren Folgen einer Hypomineralisierung des Zahnschmelzes, die langfristig den Widerstand der Zähne gegen Karies herabsetzt.

Fluorid lagert sich in der Zahnanlage ein, die Schäden sind aber erst nach dem Durchbruch der Zähne erkennbar. In der Iowa Fluoride Study, einer prospektiven Beobachtungsstudie, wurden die Eltern jedoch nicht nur nach der Einnahme von Fluorid befragt. Eine ausführliche Medikamenten-Anamnese erlaubte die Beantwortung weiterer Fragestellungen, etwa die nach den möglichen Schäden von Amoxicillin auf die bleibenden Zähne. Bekannt war, dass Tetrazykline, wenn sie in der Schwangerschaft eingenommen werden, bei den Kindern zu einer Verfärbung der Milchzähne führen können. Die Anlage der Milchzähne erfolgt bereits vor der Geburt, die Anlage der bleibenden Zähne entwickelt sich dagegen in den ersten Monaten, wenn viele Kinder mit Amoxicillin behandelt werden.

Die Diagnose einer Fluorose war keinesfalls selten. Jedes vierte Kind hatte diese Veränderungen an den ersten oberen Schneidezähnen, die die ersten bleibenden Zähne sind. Liang Hong und Mitarbeiter kommen jetzt zu dem Ergebnis, dass die Verordnung von Amoxicillin hierfür eine Mitverantwortung tragen könnte. Vor allem der Einsatz in den Lebensmonaten drei bis sechs scheint die spätere Zahngesundheit zu gefährden. Die Autoren berechnen ein relatives Risiko von 2,04 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,49-2,78) auf eine Fluorose. Nach Berücksichtigung der Fluorideinnahme und des Otitis media (die Infektion allein könnte ebenfalls die Einlagerung von Fluorid begünstigen), bleibt noch ein relatives Risiko von 1,85 (1,20-2,78). In einer Regressionsanalyse stieg es dann wieder auf den Faktor 2,5 (1,21-5,15).

Die Studien einer prospektiven Beobachtungsstudie können nicht ignoriert werden, auch wenn ihr Evidenzgrad geringer ist als bei einer randomisierten kontrollierten Studie. Dies ist auch dem Editorialisten Paul Casamassimo von der Ohio State University klar. Dennoch würde sich jeder Pädiater im Notfall sicherlich für eine Antibiotikatherapie entscheiden, schreibt Casamassimo, da die Folgen einer nicht ausgeheilten Otitis media schlimmer seien als eine Mineralisierungsstörung des Zahnschmelzes (Arch Pediatr Adolesc Med.2005;159:995-996).

Doch was ist, wenn der Patient gar keine Antibiotika benötigt hätte, weil seine Otitis media viral verursacht war und unter symptomatischer Therapie wieder abheilt, was angesichts der hohen Verordnungszahlen vermutet werden muss? Dann hätten die Patienten möglicherweise lebenslang an den Konsequenzen eines übertriebenen Antibiotikaeinsatzes zu “beißen”. Der Ratschlag der Autoren geht deshalb dahin, Antibiotika (wie auch Fluoride) mit Umsicht einzusetzen. Man darf gespannt sein, ob die von den Autoren geforderten Nachfolgestudien durchgeführt werden.


Link zum Thema
PDF der Studie in den Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine

Quelle: Newsletter Deutsches Ärzteblatt vom 5. Oktober 2005

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