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Aktuelles

Vogelgrippe: Ansteckungsrisiko möglicherweise höher als erwartet

STOCKHOLM. Während in der Türkei die ersten noch vereinzelten Todesfälle an der Vogelgrippe aufgetreten sind, äußern Epidemiologen in den Archives of Internal Medicine (2006;166:119-123) Zweifel an den niedrigen Erkrankungszahlen in Vietnam. Sind dort statt der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gezählten 93 Personen vielleicht Hunderte oder Tausende erkrankt?

Die Statistik der WHO registriert nur Fälle, in denen die Erkrankung durch einen Virusnachweis bestätigt wurde. Die meisten Experten sind sich darüber einig, dass dadurch nicht alle Vogelgrippefälle erfasst werden. Doch wie hoch das “Under-reporting” ist, vermag niemand zu sagen. Ein möglicher Forschungsansatz bestünde darin, die Bevölkerung in den von den Vogelgrippe betroffenen Regionen nach Grippesymptomen zu befragen und die Angaben mit der Haltung und dem Kontakt zu infiziertem Geflügel in Beziehung zu setzen.

Eine solche epidemiologische Feldstudie hat Anna Thorson vom Karolinska Institut, Stockholm, in Vietnam durchgeführt. Ihre Untersuchung wurde möglich, weil die Swedish International Development Agency (SIDA) zwischen April und Juni 2004 in der vietnamesischen Provinz Bavi eine bevölkerungsbasierte Umfrage durchführte. Bavi ist eine ländliche Region, in der viele Familien Geflügel zum eigenen Verzehr halten und in der die Vogelgrippe seit 2003 unter dem Federvieh endemisch ist.

Eine repräsentative Auswahl von mehr als 45 000 Einwohnern war nach Grippesymptomen und der Federviehhaltung befragt worden. Nach den jetzt von Thorson mitgeteilten Ergebnissen bestand zwischen beidem ein “dosisabhängiger” Zusammenhang. In Familien mit Hühnerhaltung wurde zu sechs Prozent häufiger über Symptome geklagt als in Familien ohne Hühnerhaltung (Odds Ratio OR 1,04; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,96-1,12). Wenn auf den Höfen die Vogelgrippe beim Geflügel aufgetreten war, waren Grippesymptome um 14 Prozent häufiger als in den Familien ohne Hühnerhaltung (OR 1,14; 1,06-1,23). Bei Personen mit direktem Kontakt zu erkranktem Geflügel waren die Grippesymptome um 73 Prozent häufiger (OR 1,73; 1,58-1,89). Aus diesen Zahlen lässt sich ableiten, dass 650 bis 750 Grippeerkrankungen mit dem Halten von infizierten Geflügel in Verbindung stehen und zwar allein in dem untersuchten Bezirk, in dem beide Faktoren vorhanden waren: In 85 Prozent der Haushalte gab es Geflügel, und 25 Prozent der Bestände waren von der Vogelgrippe befallen. Auch die Prävalenz von Grippesymptomen war mit 18 Prozent nicht gerade gering.

Von Experten wurden die Zahlen sogleich relativiert. Neil Ferguson vom Imperial College in London meinte gegenüber der BBC, die Zahlen seien interessant, aber nicht schlüssig. Zum Beweis müssten vermehrt Blutuntersuchungen der an Grippe erkrankten Bewohner durchgeführt werden. Ferguson vermutet einen systematischen Fehler als Ursache der hohen Erkrankungszahlen. Wahrscheinlich hätten sich Bewohner mit Grippesymptomen aus Angst vor einer möglichen Vogelgrippe eher an den Kontakt zu infizierten Tieren erinnert als andere./rme

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Quelle: Newsletter Deutsches Ärzteblatt vom 10. Januar 2006

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