zurück zur Übersicht

Originaldaten, Metaprodukte, Expertenmeinungen

 

 

 

Franz Porzsolt

Universitätsklinikum Ulm
Klinische Ökonomik
Frauenstiege 6
D - 89075 Ulm
Fon: +49 / 731 / 500 - 26777
Fax: +49 / 731 / 500 - 26733
eMail: franz.porzsolt@medizin.uni-ulm.de
 

 

 

 

Klinische Entscheidungen werden – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auf dem Boden von Expertenmeinungen getroffen, wobei angenommen wird, dass die Expertenmeinung den „state of the art“ repräsentiert. Expertenmeinungen sind geprägt durch persönliche Erfahrung, durch akustisch oder visuell wahrgenommene „Metaprodukte“ (zusammenfassende Berichte, Übersichtsarbeiten) und durch Originaldaten. Bei den „Metaprodukten“ lassen sich narrative Berichte von strukturierten Meta-Analysen anhand dreier Kriterien unterscheiden: (1) die Spielregel, (2) das Äpfel / Birnen Verbot und (3) die formale Wichtung.
Meta-Analysen enthalten ebenso wie Originalarbeiten einen Methodenteil (1), in dem beschrieben ist, wie die eingeschlossenen Originalarbeiten gesucht, an welchen Kriterien über den Einschluss in die Meta-Analyse entschieden wurde und nach welchen Kriterien die ausgewählten Arbeiten zusammengefasst wurden. (2) Sie prüfen die Validität der Originalarbeiten und bilden Cluster jener Arbeiten, in welchen vergleichbare Fragestellungen an vergleichbaren Zielgruppen mit vergleichbaren Methoden geprüft wurden. (3) Die Ergebnisse der aggregierbaren Studien werden nach den oben beschriebenen Methoden gewichtet, sodass quantitative Aussagen möglich werden.
Narrative Übersichtsarbeiten enthalten keines dieser Strukturmerkmale. Da die Mehrzahl der publizierten „Metaprodukte“ nur einige dieser Merkmale enthält, ist eine Beurteilung der Validität dieser Produkte häufig kaum möglich. Eine orientierende Suche in PubMed mit den Stichworten „antibiotics“ und „resistance“(I) ergibt bei einer Begrenzung dieser Stichworte auf Titel und Abstrakt 15879 Treffer. Davon werden 2666 als „Review“ ausgewiesen, 37 als „Meta-Analysis“ und 94 als „Editorials“. Das bedeutet, dass nur 10%  aller „Metaprodukte“ als strukturierte Meta-Analysen bezeichnet werden und damit eine Bewertung ihrer Validität zulassen.

Die Bewertung von Originaldaten wird üblicherweise in drei Ebenen vollzogen: (1) Durch Bewertung der Validität, (2) Bewertung der klinischen Relevanz und (3) Bewertung der Anwendbarkeit am Patienten. Bei der oben genannten Recherche wurden 229 „Randomized Controlled Trials“ identifiziert. Wenn man bedenkt, dass dieselbe Suche 94 „Editorials“ und 2666 „Reviews“ fand, kann vermutet werden, dass „Metaprodukte“ mit schwer beurteilbarer Validität ganz wesentlich zur wissenschaftlichen Meinungsbildung beitragen.
Der Vortrag beschränkt sich auf die Bewertung der Validität klinischer Interventionsstudien, weil eine unzureichende Validität dieser bedeutenden Informationsquellen erkannt werden sollte, um verzerrte Expertenmeinungen zu vermeiden. Häufig auftretende systematische Fehler werden anhand von Beispielen illustriert. Der „Schwammerl-Regel“ (absence of evidence does not constitute evidence of absence“ oder: „wenn der Schwammerlsucher im Wald keine Pilze findet, bedeutet das nicht, dass es dort keine gibt …“) und dem „Wirkungsverlust von Arzneimitteln ab dem Zeitpunkt der Zulassung“ (FORE: Fading Of Reported Effectiveness) wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Die Präsentation könnte Experten einer Fachgesellschaft motivieren, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die regelmäßig entscheidungsrelevante Publikationen für alle Mitglieder bewertet.


(I)Man hätte vermutlich mit jedem anderen Stichwort ein ähnliches Ergebnis erzielt.